Gamification ergibt schlechte Software?

Wie sich das für einen ordentlichen Hype gehört, hat Gamification vehemente Gegner. Das geht von „alles nur ein doofer Hype“ über „alter Wein in neuen Schläuchen“ bis hin zu „gefährliche, menschenverachtende Manipulation“. Der Jens Arne Männig hat einen schönen Rant zum Thema Gamification ausgegraben: Gamification sucks von Brent Simmons.
Es ist sicherlich nicht der bekannteste oder beste Artikel zum Thema (berühmtester Gamification-Hasser ist der rethorisch sehr talentierte Ian Bogost; siehe Gamification is Bullshit). Simmons’ Text illustriert aber sehr schön das Phänomen: Im Grunde geht es den Gamification-Hassern um ihr Weltbild bzw. Menschenbild. Der Kern der Problems liegt vielleicht darin, dass manche (viele?) Menschen nicht in dieses Bild passen …
“Gamification” is a word and concept invented by idiocrats who confuse humane with manipulative.
und
“Gamification” treats people like children — children who need to be manipulated, who need to be tricked into doing what’s good for them.
And it makes bad software.
Brent Simmons – ein Software Entwickler ist also der Ansicht, dass Gamification (also die entsprechenden Software) “Menschen wie Kinder” behandelt. Er meint damit selbstverständlich, dass hier “Erwachsene wie Kinder” behandelt werden. In seinem heiligen Zorn sind Menschen und Kinder zwei getrennte Gruppen.
Das Menschenbild der Aufklärung
Grundlage der Ansicht, dass das verwerflich wäre, ist das Menschenbild der Aufklärung und die Annahme, dass erwachsene, geistig gesunde Menschen das tun “was gut für sie ist”, wenn sie über die entsprechenden Informationen verfügen und nicht zu etwas anderem gezwungen werden. Von Kindern erwartet er das nicht. Erwachsenen aber für “das Richtige” Belohnungen zu versprechen, zeugt laut Simmons von mangelndem Respekt.
Das Wort “Respekt” an sich ist schon ein sehr schwieriges – wie jeder weiß, der schon einmal gezwungenermaßen Hip-Hop-Musik gehört
Aber auch die Annahme, das erwachsene Menschen in Zweifelsfall das tun, was gut für sie ist, ist eine zumindest diskussionswürdige. Ich selbst bin da ein gutes Gegenbeispiel. Leider tue ich nicht immer, was gut für mich – oder andere – ist. Und insbesondere bei wünschenswerten Verhaltensmustern, die viel Ausdauer und Geduld verlangen, hilft es mir manchmal, wenn ich mich mit klassischen Gamification-Taktiken dabei unterstütze, “dran zu bleiben”.
Wenn Brent Simmons so etwas tatsächlich nicht nötig hat, ist er ein bewundernswerter Mensch – er verdient meinen Respekt – vielleicht aber nicht repräsentativ für die Mehrzahl seiner (erwachsenen) Mitmenschen. Ich hoffe, dass er mir seinen Respekt nicht verweigert, weil ich und andere diese Stärle nicht aufbringen.
Um es auf den Punkt – bzw. 3 Punkte – zu bringen:
- Meiner Ansicht nach kann menschliches Verhalten beeinflusst werden. Ob das “einfach” oder “schwierig” ist, hängt vom Einzelfall, von den Beteiligten und dem gewünschten Zielverhalten ab.
- Für diese Verhaltensbeeinflussung gibt es eine Vielzahl von Methoden. Einige davon basieren auf dem Prinzip, klares Fortschrittsfeedback zu geben, und repetitive Jobs “künstlich” mit Spaß, Belohnungen und Herausforderungen zu versehen – wie Gamification das tut.
- Ob das Manipulation (= “böse”/”respektlos”/”verwerflich”) ist, ist eine in der Praxis meist höchst subjektive Bewertung. Sie kann sich m.E. aber nur aus dem Ziel (dem angestrebten Verhalten) und dessen Bewertung ergeben, sowie aus der Fragestellung, ob dem Beeinflussten der Beeinflussungsprozeß transparent gemacht wird.
Letzteres ist m.E. eher selten anzutreffen. Wenn ich an Beispiele wie StackOverflow, Nike+, SCVNGR, das legendäre Foursquare und ähnliche, bekannte Beispiele für Gamification denke, halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass gerade erwachsene, geistig gesunden Menschen nicht bewußt wird, dass ihr Verhalten hier in eine bestimmte Richtung gelenkt wird.
Gamification = Schlechte Software?
Auch die implizite Annahme in Brent Simmons’ Text, dass Software durch Anwendung von Gamification-Techniken automatisch “bad” wird, ist weder belegbar noch basiert sie auf objektivierbaren Kriterien. Simmons Software-Ideal: “It works better and looks better, is easier to learn, and leaves out the things that waste a user’s time” ist kein schlechtes Prinzip für das Ziel der Evolution von Software.
Es beinhaltet aber die implizierte Annahme, dass alles, was nicht zum funktionalen Kern einer Software gehört, diese “häßlicher, schwerer zu erlernen” und zur “Zeitverschwendung” macht. Das klingt zunächst plausibel. Ich persönlich würde es aber nicht als universelles Prinzip unterschreiben.
Es gibt tatsächlich eine Menge Aspekte von Software – und anderen Gerätschaften – die durch die Hinzufügung von Bestandteilen schöner, besser und leichter zu erlernen wurden. Automatische Gangschaltungen sind in PKW durchaus etwas angenehmes – und verspielte Verbrauchsanzeigen können positive Effekte haben. Grafische Benutzeroberflächen für Software sind genauso angenehm – und (völlig überflüssige) subtile visuelle Effekte machen mir beim Umgang mit dieser Software “Freude”. Puristen würden das in vielen Fällen eventuell anders sehen als ich. Eine Vielzahl von Menschen sieht das aber scheinbar ähnlich wie ich
Illustration: *one* via Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)




