Momentan wird Gamification noch in erste Linie für Marketing-Zwecke eingesetzt. Es gibt Experimente – und viele Reden und Präsentationen – über Anwendungsmöglichkeiten in der Schule oder im Healthcare-Bereich. Das ist sozusagen die „gute Gamification“. Jane McGonigal hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, Reality is Broken, wie man mit Hilfe von Gamification die Welt verbessern kann. Für Viele erscheint das aber sicherlich wenig greifbar und ein bisschen utopisch.
Es gibt aber auch viel „kleinere“ Beispiele. Mit ein paar Gamification-Kniffen kann man sich in vielen Lebensbereichen helfen, sein Verhalten zu ändern und/oder gute Vorsätze in die Tat umzusetzen. Mir ist zum Beispiel erst kürzlich aufgefallen, dass ich selbst seit fast einem Jahr beim Autofahren Gamification anwende.
Das Spielfeld
Dazu muss man wissen, dass ich uns im August 2010 einen Toyota Prius gekauft habe. (Ja, ich weiß, dass ein Prius nicht zwangsläufig das umweltfreundlichste Auto ist :) Der Verbrauch spielt bei diesem Fahrzeugmodell selbstverständlich eine große Rolle. Offiziell wird der Wagen mit einem Verbrauch von 4l/100km angepriesen. Das ist in der Praxis selbstverständlich kaum zu schaffen. Tatsächlich kann man den Prius bei rund 5l/100km halten. Bei etwas ruppiger Fahrweise werden es aber schnell 6l/100km und mehr.
Feedback hilft bei der Zielerreichung
Das ist ja nun aber nicht unbedingt das Ziel, wenn man sich so einen Wagen zulegt. Ich habe deshalb begonnen, bewusst auf meine Fahrweise zu achten, mit dem Ziel, den Verbrauch zumindest unter 5l zu halten. Erschwert wird Zielerreichung allerdings durch die Tatsache, dass der Wagen die meiste Zeit von meiner Frau gefahren wird, die dabei einen Durchschnittsverbrauch von etwa 6,5l/100km erzielt. Davon lasse ich mich aber nicht klein kriegen. Beim Erreichen meines Ziels hilft mir der – erstaunlich primitive – Bord-Computer und damit das vielleicht wichtigste Instrument aus dem Gamification-Werkzeugkasten: Feedback.
Der Prius hat drei verschieden Betriebsarten für die Verbrauchsanzeige:
- den aktuellen Verbrauch
- den durchschnittlichen Verbrauch während des aktuellen „Trips“
- eine grafische Darstellung der Verbrauchswerte in den letzten 30 Minuten in 5-Minuten-Abschnitten
Wenn ich den Wagen übernehme, checke ich zunächst den Durchschnittsverbrauch im laufenden Trip (den man jederzeit nullen kann). Liegt der deutlich über 5l, wechsele ich auf die Anzeige des laufenden Verbrauchs und versuche, mit deutlich unter 5l/100 zu fahren. Das ist natürlich nicht immer möglich, ohne allzu langsam zu werden oder gar andere Fahrer zu nerven. Deshalb prüfe ich immer wieder die Intervall-Anzeige, die mir in 5-Minuten-Blöcken zeigt, wie sich das Verbrauchsprofil in den letzten 30 Minuten entwickelt hat. Ich bekomme damit ein sehr gutes Feedback dazu, zu welchem Durchschnittverbräuchen meine Fahrweise und die unterschiedlichen Straßensituationen führen.
Da es frustierend ist, die langsame Absenkung des Durchschnittsverbrauchs zu beobachten, wenn der aktuelle Trip bereits mehr als 1000 km lang ist, lege ich in diesem Fällen einen zweiten “Trip” B an. Da dieser frisch bei 0 beginnt, sind die durchschnittlichen Verbrauchswerte von Beginn an niedrig – ein gutes Gefühl. Nach einer Weile habe ich typischerweise den Durchschnittsverbrauch (im Trip B) auf unter 4,5l/100km gedrückt. Dann schalte ich zurück auf den (langen) Trip A.
Belohnung muss sein
Wenn es mir dabei gelingt, den Trip-A-Verbrauch wieder auf 5l zu bekommen, übt das eine tiefe Befriedigung aus. Aber an diesem Punkt höre ich natürlich nicht auf. Insbesondere, wenn ich eine längere Fahrt auf der Landstraße vor mir habe, nutze ich die Gelegenheit, den Durchschnittsverbrauch auf 4,9l oder gar 4,8l zu drücken. Das schafft ein Polster für Autobahnstrecken und die nächste Phase, in der meine Frau wieder fährt.
Der Trip-Zähler wird nicht nach jeder Fahrt zurückgesetzt. Im Gegenteil. Ich versuche, eine möglichst lange Strecke aufzubauen, die einen durchschnittliche Trip-Verbrauch von unter 5.0l/100km erreicht. Das gibt mir die Freiheit, dann auch einmal eine Weile schneller zu fahren, da 5000km mit 4,9k/100km natürlich viel schwerer wiegen als eien Fahrtstrecke 80km mit deutlich höherem Verbrauch. Die Vorarbeit des sparsamen Fahrens über längere Zeit hinweg erlaubt mir also die Belohnung, danach eine Weile zu rasen ;-)
Vielen mag das wie eine alberne Spielerei erscheinen. Tatsächlich gelingt es mir mit dieser Technik aber, seit über einem halbem Jahr den Verbrauch bei 5l oder darunter zu halten. Und es kostet mich weit weniger Konzentration, als die obige Beschreibung vermuten lässt. Das Meiste davon geschieht inzwischen genauso nebenbei und unbewußt, wie die anderen Handlungen beim Autofahren.
Ich denke, das ist ein gutes Beispiel dafür, wie simple Gamification-Prinzipien (klares Ziel, ständiges Feedback, Belohnungen fürs Erreichen von Zielen und Zwischenzielen etc.) einem helfen können, kleine oder auch große Ziele im Alltag zu erreichen.
Entscheidend dabei ist, dass uns in vielen Situationen heutzutage Computer zur Verfügung stehen, die uns – höflich, neutral und unemotional – präzises Feedback geben können und die Buchführung für diese kleinen Spiele übernehmen können. Das kann ein Bordcomputer wie der im Prius sein. Aber das größte Potential haben selbstverständlich Smartphones, die nicht nur die dafür benötigte Software ausführen können. Sie erlauben es auch, „Spielstände“ im Internet auszutauschen. Damit lässt sich zum Beispiel Wettbewerbsdruck aufbauen oder „moralische Unterstützung“ von anderen Spielern einholen.
Gamification funktioniert!

