Es ist ein irgendwie interessanter Zufall: in den letzten beiden Wochen sind mir einige Gedanken über unsere Parteiendemokratie durch den Kopf gegangen. Anlaß war das Nachdenken über die Notwendigkeit für die absolute Dominanz, die die Parteienzugehörigkeit für unsere aktuellen politischen Strukturen hat. (Siehe Gibt es Alternativen zu klassischen Parteistrukturen in einer Demokratie?) Eine andere, mir wichtige Frage ist, wie man Online-Werkzeuge für den politischen Diskurs einsetzen und die inhärenten Schwächen dieser Systeme vermeiden/kompensieren kann. Dass mich der Gedanke an den Einsatz spielerischer Elemente außerhalb von Spielen umtreibt, brauche ich hier gar nicht erwähnen, denke ich :)

Und da kommt ein Idee Projekt wie Americans elect um die Ecke, eine Online-Plattform, die amerikanische Wähler für die Mitwirkung bei den nächsten Präsdientschaftswahlen – abseits der bestehenden Parteistrukturen – motivieren möchte. Americans elect ist momentan nur als Skizze erkennbar. Man kann sich registrieren, seine politischen Schwerpunkte angeben und eine Reihe von Fragen beantworten, die politische Präferenzen ermitteln sollen. Letzteres ähnelt sehr stark dem WahlOmaten, der auch bei den letzten Bundestagswahlen und einigen Landtagswahlen zum Einsatz kam.

Während der WahlOmat aber immer dazu da war, festzustellen, welche Partei am ehesten meine eigenen Ansichten vertritt, sollen ähnliche Fragen bei America elects den Bürgern bewusst machen, das sie ein individuelles politischen Profil haben. Dieses soll dann dazu verwendet werden, Gruppen gleichgesinnter zusammen zu bringen und dazu passend Kandidaten zu küren. Die Mechanismen dahinter sind prinzipiell ganz ähnliche wie bei einer Partnerbörse.

In den folgenden Monaten sollen auf dieser Plattform, auf der immerhin angeblich schon 1,75 Millionen Amerikaner registriert sind, Diskussionsforen folgen und danach eine echte Kandidatenkür stattfinden.

Was ebenfalls erst in Ansätzen sichtbar ist, sind die Gamification-Elemente. Wer eine erste Reihe von Fragen beantwortet hat, erhält einen niedlichen kleinen Badge, eine Plakette mit dem Abbild von George Washington (das scheint eine der wenigen Symbolfiguren zu sein, auf die sich sowohl Republikaner als auch Demokraten einigen können).

Ich bin sehr gespannt darauf, was hier noch folgen wird. Insbesondere bin ich darauf gespannt, ob und wie weitere Spielmechaniken genutzt werden, um die Leute am Ball zu halten und ihnen Feedback zu vermitteln. Dass das nicht zu spielerisch aussehen kann, ist selbstverständlich. Immerhin geht es hier um etwas sehr ernstes wie die Präsidentschaftswahlen :) Grundsätzlich denke ich aber, dass gut gemachte Verdienst- und Reputations-Mechanismen auf politischen Plattformen eine große Rolle spielen könnten. Auf Fleißkärtchen würde ich eher verzichten.

Genauso spannend wird es natürlich werden, zu sehen, ob es hier zu ernsthaften Debatten kommt und wie die Kandidatenkür aussehen wird. Das ist ein grandioses Experiment, hinter dem scheinbar auch einige Leute mit politischer Erfahrung – und nicht nur technologische Spielkinder stehen. Ein paar Infos zum Hintergrund gibt es hier.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: ich habe große Zweifel daran, dass America elects irgendwelche messbaren Auswirkungen auf die kommenden Wahlen in den USA haben kann. Die werden mit Milliarden-Budgets in den klassischen Medien (und kleineren Online-Kampagnen) entschieden. Der Fokus auf die Präsidentschaftswahlen ist zudem … schwierig, da hier die Parteilichkeit stets die größte Rolle spielt. Die meisten aktuell registrierten Anwender neigen eher zu “liberalen” Ansichten, wie die Befragungsergebnisse zeigen. Die Konservativen in den USA und die Murdoch-Presse werden die Plattform deshalb als verkappte Propaganda der Demokraten darstellen, die FOX Sender wird versuchen, das alles lächerlich zu machen etc. etc. Trotzdem halte ich das für ein hochspannendes Experiment: nicht als Prototyp für künftige politische Willensbildung aber als eine Art Spielwiese und als Signal, dass es wichtig ist, die neuen Instrumente elektronischer Kommunikation auch in der Politik einzusetzen – und, dass Politik immer mit Meinungsverschiedenheiten zu tun hat, aber nicht zwangsläufig mit institutionalisierten Parteien.

 

 

 

One Response to Americans elect – Politik, Bürgerbeteiligung und Gamification

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